Predigt zur Lindenkirchweih am 12.06.2011
von Pfarrer i. R. Klaus
Wende
Am 5. Mai hobn da unten auf die Bänkla abends um 8 vier Leut gehockt: der Meisel Markus, der Günti vom Posaunenchor, meine Wenigkeit und dann is a no die Dressel Helga uns drei Mannsbilder zu Hilfe komma. An dem Abend hobn mir nämli den Kerwa-Gottesdienst geplant und ab-gsprochen. Mir sind mittn im Gespräch, da hör i a linde Stimm: „Ich werd wohl gar net gfragt? I bin doch die Hauptperson!“ Ich schau mich um, seh aber nur die Linde. „Wer bist du?“ hob ich gefragt. „I seh dich net“. „Ich bin doch net zu übersehn. So a Prachtexemplar findest in ganz Deutschland nimmer. Ich bin die Ger-Linde. Du kennst mi doch. Du bist scho amol mitm Posaunenchor bei mir gwesen. Und mit die Senioren aus Bad Berneck hast sogar getanzt!“ Ich war sprachlos. Die Piesner Tanzlinde kann sprechen. „Ja, da staunst!“ meinte Ger-Linde und nahm kein Blatt vor den Mund. „Ich bin zwar bloß in di Baumschul ganga, aber deswegn bin i net ungebildet. Des könnt ma manchmal bloß vo a paar Holzköpf aus-m Verein oder der Kergngma sagn. I bin zurechtgestutzt wordn und meine Äst sind hibogn wordn, dass die Leit a Freid an mir hobn. Bloß eins versteh i net. Warum heißn’s mich die Tanz-Linde? I bin doch fest im Heimatboden Oberfranken verwurzelt, eingewurzelt im Brauchtum der alten Germanen. Deshalb heiß ich ja Ger-Linde.“ Ich konterte: „Das ist kein Privileg, wenn man Ger-Linde heißt. Aus deinem Holz haben die alten Germanen ihre leichten Wurfspeere geschnitzt, um damit die Römer aufzuspießen. Da wäre mir schon lieber, du würdest Fried-Linde genannt werden. Das wäre ein schöner Hinweis auf das friedliche Pfingstfest, das heute weltweit in allen Kirchen gefeiert wird. Aber ich will dir zugute halten, dass die ersten christlichen Künstler die Figuren von Personen aus der Bibel oder von vorbildlich heiligen Menschen aus Lindenholz geschnitzt haben. Deshalb haben wir auch den bekannten Holzschnitzer Roland Friedrich vom Schloß Wernstein auf die Kerwa eingeladen. Der soll herausfinden, aus welchem Holz die Leut geschnitzt sind, die in Piesen allweil zur Kergn und af die Kerwa genga. Mit a paar Stichproben wird der scho fündig werden. Und des weiß sowieso jeder: Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum oder was manche behauptn: Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd! Jedenfalls sieht ein Künstler gleich, wo der Wurm drin ist. In der Kergn Sancta Maria war bestimmt in katholischen Zeiten auch eine aus Lindenholz geschnitzte Madonna zu bewundern. Heut bewundert die Jugend bloß no die Madonna, die viel Holz vor der Hüttn hat, die Sängerin und Schauspielerin.“ Da fällt mir die Ger-Linde ins Wort: „Tu fei ja net die jungen Leut verprelln. Die setzn sich tatkräftig ein, damit das Lindenfest richtig gefeiert werden kann. Nur ganz, ganz wenige gehörn zu den sogenannten U-Boot-Christen. -Du begreifst net, wos i mein? Die U-Boot-Christen tauchen nur alle heilige Zeit im Gottesdienst auf. Übrigens haben die Piesner zurzeit keinen eigenen Pfarrer. Und mit einem halben können’s sowieso nix anfanga! Ich seh, wie jeden Sunn-toch a anderer zur Kergntür nei geht, um die Predigt zu halten. Andrerseits ist es gor net verkehrt, wenn ma net alles auf’n Pfarrer abschiebn kann. In der Vakanz müssn sich alle selber rührn, wenn wos vorwärts gehen soll. Und wenn die Azendorfer und die Piesner Glück habn, dann kriegn s‘ a wieder an rührigen Pfarrer oder sogar a Pfarrerin. Es sei denn, sie stelln besondere Ansprüch und verlanga, dass derjenige aus einem ganz besonderen Holz gschnitzt ist.“ Ich nickte beifällig und fragte: „Ger-Linde, wir zwei müssten doch ungefähr gleich alt sein oder? So um die 70? Da hast ja scho einiges erlebt und manche sind dir vielleicht auf der Nase rumgetanzt wie mir in meiner 45-jährigen Dienstzeit!“ Ger-Linde fühlte sich geschmeichelt und verströmte einen betörenden Lindenblütenduft. Dann blickte sie herablassend auf mich: „Mir tanzt keiner auf der Nasn herum. Aber seit ich 2001 zur Tanz-Linde gemacht worden bin, hab i mindestens an der Kerwa einige in der Krone! Du kannst höchstens einen in der Krone haben. Und dann bist nimmer ganz standfest. Aber i behalt mein‘ Standpunkt. Und der lautet: Nimm dir kein Blatt vor den Mund. Red, wie dir der Schnabel gewachsen ist!“ „Des kann i unterschreibn. Der Luther hat zu seiner Zeit gmeint, ma muss dene Leit aufs Maul schaua, wenn ma ihr Herz erreichen will. Aber wenn ich‘s bedenk, warn meine Predigten doch meist für die Katz, jedenfalls in Eckersdorf , wo sich amol a schwarzer Kater am Altar rumtriebn hat während der Kergn. Am Ochsenkopf war des scho anders. Da haben die Wanderer nur manchmal an Hund dabei ghabt und der hat nur die Angsthasen verbellt. Vor allem sind wir da immer auf an grüner Zweig kommen unter die Fichtelgebirgsfichten. Und des hoff ich heut a: unter deim grünen Blätterdach kann jede und jeder auf an grüner Zweig komme, wenn er sich vom Herrgott-Schnitzer bearbeiten lässt; denn der kann auch aus hartem Holz an weichen Kern rausholen!“ Die Ger-Linde schaut zur Kirchweih-Kergn Sankt Marien hinüber und sagt nachdenkli: „Manchmal is alle Mühe umsonst, wenn a net kostenlos! Da drübn werdn klaane Kinder tauft – kostenlos und meistens a umsonst. Außer Patenbündl tragn passiert net viel. Früher habs wenigstens bei der Geburt vo am Kind an Obstbaum pflanzt. Am 7. März 1950 is ja scho a Silberwasser-Linde gepflanzt wordn. Der Fischers Johann hat sie ausfindig gemacht und die Gemeinde Lopp hat sie kostenlos hergschenkt. Aber des war a Flopp; es war keine Sieg-Linde, sonst hätt‘ sie net kümmerli versagt und wär‘ net ins Brennholz-Paradies einganga! Da war’s scho eher a Heide-Linde. Doch bereits ein Heide is in der Kergn fehl am Platz. Außerdem is der Baum in den Kriegsjahren aufgewachsen. Da hat er net viel Nahrung mitkriegt. Am 5. Mai 1950 waren 1,9 Millionen Kriegsgefangene aus Rußland zurückgekehrt. Im Juni 1950 nach Israel 500 000 Juden aus aller Welt eingewandert.“ „Und du derfst net vergessn“, fiel ich der Linde ins Wort, „dass am 23. Oktober 1950 die Berliner Freiheitsglocke zum ersten Mal glitten hat. Außerdem tät mi interessiern, was aus der Flaschenpost wordn is, die in deim Wurzelwerk eigrabn worden is. Davo gschwomma wird’s ja net sei!“ „Die Flaschnpost hätt besser zur Silberwasser-Linde gepasst: Wasser – Fischer – Flaschnpost! Die Flaschn liegt immer noch im Dunkln wie mei eigene Herkunft. Wie die vom Herrgott. Seit 60 Johr steh i jedenfalls am selben Fleck. Aber i bin net bloß äußerlich gwachsen, sondern a innerlich. Die Nähe zur Marienkergn färbt ab. Obwohl i mi net von der Stelln rührn ka, hab i scho zum Pfarrer Rühr gsagt: ‚Du bist mir sympathisch. I trag aa es ganze Jahr es selbe Kleidungsstück. Und i bin kei Flaschn, obwohl i grün bin. I hab eine Mission zu erfüllen wie jedes göttliche Geschöpf. Erstens zeig i allen, wo’s zur Kergn lang geht, obwohl der Turm vo der Marienkergn es älteste Gebäude in Piesen is. Zweitens bin i eine Gesundheits-Apostolin: Der Lindenblütn-Honig hilft gegen Grippn und der Lindenblüten-Tee gegen alles Mögliche. Und wenn die Leit den gekreuzigten Jesus aus Lindenholz sehn, dann fangn s‘ an zu beten und singa: Christe, du Lamm Gottes! Und des Birkenkreuz zeigt, dass es Kruzifix überholt is; der Sohn Gottes lebt im und durch den Heiligen Geist.“ Bewundernd denke ich, die Ger-Linde hält ja a richtige Predigt. Aber damit sie net eingebildet wird, sag i bloß: „Du spürst ihn also besonders gut, den Wind, den die Alten den Atem Gottes genannt haben. Und spätestens wenn jeder den letzten Wind gelassen und den allerletzten Schnaufer getan hat, merkt er, woher der Wind weht. Und wenn dann ab und zu a Taubn vom Kirchendach in dein‘ Wipfel rüberfliegt, könnt mer denkn, der Heilige Geist persönlich stattet dir an Bsuch ab. Und dann wird aus der Ger-Linde a Fried-Linde. Stimmt’s?“ „ Pfarrer, du musst aber jetzt net zu kriechn anfanga, auch wenn zu mir a Treppen-Schneckn raufführt. Die Fried-Linde passet natürlich a zu mir. Ist doch am 8. April 1951 die Bundesrepublik Deutschland in den Europa-Rat aufgenommen worden und Tunesien hat seine Selbstständigkeit gefordert. Und am 9. Juli 1951 erklärten die West-Allierten das Ende des Kriegszustandes mit Deutschland. Und bis Ende 1951 haben 200 000 Ost-Zonen-Flüchtlinge um Aufnahme in die BRD gebeten. Und an Weihnachten 1951 wurde Libyen ein unabhängiges Königreich. Aber jetzt müsste man den Ghadafi zurechtstutzen wie mi im April 2001.“ „Du wirst doch zum Schluss net noch politisch werdn wolln? Obwohl des Kerbholz, auf dem ma früher hat anschreibn lassen, wahrscheinli aus deim Holz gmacht war. Und aufm Kerbholz haben net bloß die Großkopferten a ganze Menge, sondern fast a jeder vo uns. Wir sollten uns a Beispiel an dir nehmen und net immer aus der Reihe tanzen, sondern ein‘ christlichen Standpunkt einnehma. Vielleicht ab und zu gegen den Strom schwimmen. So kommt man bekanntlich zur Quelle. Und die Quelle allen Lebens is der Geist Gottes.“ Ich wollt der Linde galant das letzte Wort lassen. Wir vier waren auch soweit fertig, dass wir den Gottesdienst abhalten konnten. Die Ger-Linde zeigte sich zufrieden und meinte: „Vor Freud würd i ja schon gern tanzen. Aber die Eichenbohlen sind doch recht schwer, die mir am 18. September 1994 zur 700-Jahrfeier von Piesen auferlegt worden sind. Die könnt ma in Zukunft vielleicht wieder für an anderen Zweck brauchn, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden und der Strom nimmer aus der Steckdosn kommt. Die Österreicher worn von Anfang an gscheiter. Die haben 1951 ihr Tauernkraftwerk Kaprun gebaut. Energie aus erneuerbaren Rohstoffen wär aber a extra Thema. Da mußt halt noch a mal zu mir komme.